ESF-Fachtagung „Arbeitsplatz#TABU“

Über 80 interessierte Gäste aus Unternehmen, Behörden sowie Hilfe- und Beratungsstellen besuchten auf Einladung der Freien Hansestadt Hamburg und verikom am 17. Oktober 2018 die ESF-Fachtagung „Arbeitsplatz #Tabu – Unternehmen treten ein gegen häusliche Gewalt“.

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ESF-Fachtagung „Arbeitsplatz#TABU“

Sozialsenatorin Melanie Leonhard betonte in ihrem Grußwort die Bedeutung des Themas für den Hamburger Senat, der sich u. a. mit dem „Konzept zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Menschenhandel und Gewalt in der Pflege“ gegen Gewalt engagiert.

Betroffen seien laut Studien Frauen – in allen sozialen Schichten. Wie die aktuelle Kriminalstatistik (2016) zeigt, hat jede vierte Frau in Deutschland in ihrem Leben partnerschaftliche Gewalt erlebt.[1] Deshalb sei es so wichtig, die Opfer im Erwerbsleben zu halten, sie dadurch in ihren eigenen Fähigkeiten zu stärken und ihnen Rückhalt zu bieten. Unternehmen, Betriebe, Gewerkschaften sowie die Interessensvertretungen der Beschäftigten seien dabei sehr wichtige Partner. Und im Umfeld des Arbeitgebers könne den Betroffenen  konkrete Hilfe geboten werden. Mit sichtbaren internen und/oder externen medienwirksamen Aktionen sollte sich der Arbeitgeber eindeutig gegen häusliche Gewalt positionieren. Die BASFI habe seit 2015 ein Konzept implementiert, welches Betroffene häuslicher Gewalt, die in der Behörde arbeiten, unterstütze.

Anne-Gaëlle Rocher und Kerstin Oevermann, Leiterinnen des ESF-Projektes „2ter Aufbruch! – Coaching zu Bildung und Beruf“, berichteten aus ihrer Praxis: Häusliche Gewalt habe viele Gesichter und würde von Seiten der Unternehmen oftmals nicht wahrgenommen oder ihr würde mit viel Unsicherheit begegnet. Zwei anonymisierte Beispiele verdeutlichten eindringlich, wie sensibel das Thema ist.

Eine von Zwangsverheiratung bedrohte Frau fehlte oft bei der Arbeit. Der Arbeitgeber bot ein Gespräch mit der Beauftragten für Gesundheitsmanagement an. Die Betroffene nahm das Gesprächsangebot an, war allerdings noch unsicher, ob sie sich mit ihrem Problem öffnen könne. Das Gespräch bot ihr dann keinerlei Schutz der Privatsphäre. Es fand aus Platzgründen mitten im Aufenthaltsraum statt. Filialleiter und stellvertretender Filialleiter waren anwesend. Immer wieder betraten entgegen der Anweisungen andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Raum. Die Betroffene entschied sich unter diesen Umständen nichts von der Gewaltproblematik zu offenbaren.

An diesem und an einem weiteren Beispiel wurde die Notwendigkeit deutlich, das Thema Häusliche Gewalt seitens des Arbeitgebers mitzudenken und Voraussetzungen zu schaffen, die es Betroffenen ermöglicht, die wahren Gründe über bspw. Fehlzeiten oder den sozialen Rückzug zu äußern. Die Fachtagung solle hierfür Auftakt sein und Betriebe ermutigen, sich über Unterstützungsmöglichkeiten auszutauschen und das Hamburger Opferschutznetz kennenzulernen.
Vortrag von Frau Rocher und Frau Oevermann (PDF)

Katja Karger vom Deutschen Gewerkschaftsbund Hamburg unterstrich die Sensibilität des Themas und machte deutlich, dass Häusliche Gewalt, Mobbing und auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz mit besonderer Feinfühligkeit angegangen werden müssen. Sie warb für „mehr Menschlichkeit im Unternehmen“ und empfahl, dass sich Betriebs- und Personalräte diesem Thema widmen und hier konkreter Ansprechpartner sein sollten. Von besonderer Bedeutung sei aber auch die Einbindung der Geschäftsführung, die vertrauensvoll hinter diesem Thema stehen müsse, da es oft großer Flexibilität bedarf, um den Opfern helfen zu können.

Anne Kaufmann, Mitarbeiterin der Psychosozialen Beratung der Deutschen Lufthansa AG am Standort Hamburg, berichtete aus der Praxis ihres Konzerns. Zunächst unterliege jegliche Beratung absoluter Vertraulichkeit. Dies sei der Schlüssel für gelungene Hilfen. Zudem bedürfe es einer kontinuierlichen Thematisierung des Gewaltthemas im Betrieb, um es aus der Tabu-Zone herauszuheben. Die Hilfsangebote selber müssten zudem niederschwellig sein. Darum hat der Lufthansa-Konzern neben zahlreichen Angeboten auch eine Hotline, über die Vorfälle anonym gemeldet werden können. Bei Bedarf gibt es Gespräche mit Betroffenen und Tätern, so es sich dabei auch um Mitarbeitende des Lufthansa Konzerns handelt. Der Arbeitsplatz könne auch zu einem Schutzraum werden, wenn mutmaßliche Täter keinen Zugang zum Arbeitsplatz des Opfers erhalten, oder auch Rufnummern unbürokratisch geändert werden. Zudem hat die Deutsche Lufthansa einen Hilfsfonds für unbürokratische Hilfen eingerichtet. Damit können beispielsweise die Mietkaution bei einem notwendigen Umzug oder auch eine Erstausstattung der Wohnung nach einer Trennung vom Partner finanziert werden.

Stefanie Christiansen, Sozial- und Suchtberatung, Airbus Operations GmbH, berichtete, dass ähnlich wie bei der Lufthansa agiert würde. Auch Airbus verfüge über einen Hilfsfond, bezahlte Freistellung in besonderen Problemlagen und Hilfen bei der Wohnungssuche. Auch sie betonte wie wichtig die Enttabuisierung des Themas sei. Es gelte, den Betroffenen Mut zu machen, Hilfe zu suchen. Gemeinsam könne dann über jeweils passende Unterstützungsmöglichkeiten gesprochen werden, um Betroffene zu stabilisieren. Christiansen betonte aber auch, dass es eine hohe Dunkelziffer gebe,  von Männern wie von Frauen, die sich nicht trauten, aktiv Hilfe zu suchen.
Vortrag Stefanie Christiansen (PDF)

Martina Felz, Referat Opferschutz bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, berichtete aus ihrem Referat. Das Handlungskonzept der Fachbehörde ist auch auf kleinere Organisationen bzw. Unternehmen übertragbar. Im Jahr 2015 hat die BASFI die bundesweite Hotline https://www.hamburg.de/hilfen-fuer-opfer/4242638/hilfetelefon-gewalt-gegen-frauen/ innerhalb der Fachbehörde beworben und diese für betriebliche und private Notlagen mit einer Kampagne hausintern bekannt gemacht. Hier können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonisch oder über einen Chat Rat suchen. Martina Felz berichtete, wie wichtig die Einbindung der Führungsebene und die kontinuierliche Kommunikation des Themas sowie über die Bekanntmachung der Hotline seien. Noch immer sei Gewalt ein schambesetztes Thema, das mit äußerster Sensibilität behandelt werden müsse.
Vortrag Martina Felz (PDF)

Der Tenor war eindeutig: Häusliche Gewalt, Mobbing oder sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sind noch immer ein TABU. Es gilt diese zu enttabuisieren. Wie das funktionieren kann, wurde von den Referentinnen wie auch in der anschließenden Diskussion eindrucksvoll deutlich: Kontinuierliche Kommunikation des Themas, Einbindung der Führungsebene, niedrigschwellige Hilfsangebote, Anonymität, Vertraulichkeit und Verschwiegenheit.

Isabel Said, Abteilungsleiterin in der BASFI fasste die Fachtagung wie folgt zusammen: die vielen interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden zeigen, dass das Thema häusliche Gewalt von großer Bedeutung in unserer Gesellschaft sei und wie wichtig in diesem Zusammenhang Arbeit als Faktor sei, um sich aus Gewaltbeziehungen herauslösen zu können und selbstbestimmter zu werden. Gerade der Arbeitsplatz böte daher für Betroffene die Chance, häusliche Gewalt aussprechbar zu machen, ein Schutzort zu sein und Unterstützung zu erhalten bzw. vermittelt zu bekommen. Nach wie vor sei es aber für viele Betroffene immer noch schwierig und schambesetzt das Thema anzusprechen. Daher sei es für Unternehmen wichtig, eine Haltung zu vermitteln, innerbetriebliche Strukturen, (Präventions-) Angebote/Maßnahmen bzw. betriebliche Regelungen vorzuhalten und kontinuierlich über das Thema zu kommunizieren, um Zugänge in das sehr gut ausgebaute Hilfesystem in Hamburg zu erleichtern. Vertraulichkeit ist dabei von größter Bedeutung, um den oft langen Prozess der Hilfe beginnen zu können. Gleichzeitig bestehe die Chance, auch gewalttätige Personen durch entsprechende Öffentlichkeitsmaßnahmen für Hilfsangebote zu erreichen.

[1] bmfjsf

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