ESF-Fachkongress „Alleinerziehend: Ressourcen fördern, Potenziale nutzen“

Im Rahmen des ESF-Fachkongresses „Alleinerziehend: Ressourcen fördern, Potenziale nutzen“, zu dem die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) gemeinsam mit dem ESF-Projekt „Jobclub Soloturn Plus“ geladen hatte, informierten sich am 26. Januar 2018 mehr als hundert Gäste über Möglichkeiten, die berufliche Situation gering qualifizierter Alleinerziehender zu verbessern.

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ESF-Fachkongress „Alleinerziehend: Ressourcen fördern, Potenziale nutzen“

„Mangelnde Bildung und die Tatsache, alleinerziehend zu sein, erhöhen das Armutsrisiko“, führte Amtsleiterin Petra Lotzkat in das Thema ein. Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard skizzierte die aktuelle Situation in Hamburg: Gut ein Viertel aller Haushalte mit Kindern in der Hansestadt seien Alleinerziehenden-Haushalte. In 90 Prozent der Fälle lebe die Mutter mit den Kindern zusammen, das Armutsrisiko sei mit 41 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei der Gesamtbevölkerung. Doch Alleinerziehende, so betonte die Senatorin, seien keine homogene Gruppe: „Die Herausforderungen unterscheiden sich enorm.“ Sie variierten mit dem Alter und der Zahl der Kinder, der beruflichen Qualifikation, den regionalen Arbeitsmarktbedingungen und der Betreuungsinfrastruktur. Individuelle Unterstützungsangebote wie jenes des ESF-Projektes „Jobclub Soloturn Plus“ seien ein entscheidender Beitrag, um Alleinerziehenden mit geringer Qualifikation den Einstieg in die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Ohne die EU, so betonte Leonhard, wären diese Angebote nicht umzusetzen.

Die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine gerechtere Verteilung von Erziehungsverpflichtungen auch für Alleinerziehende bezeichnete Estelle Roger, Vertreterin der Europäischen Kommission, angesichts der bevorstehenden, europaweiten Überalterung als „eine Frage der Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Notwendigkeit“. So belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Unterrepräsentanz von Frauen auf dem EU-Arbeitsmarkt nach Berechnungen der Europäischen Kommission auf 370 Milliarden € im Jahr.

Dr. Alexandra Widmer, Neurologin, Psychotherapeutin und Autorin, forderte in ihrem Impulsvortrag die Arbeitgeberseite auf, den Blick – statt auf Vorurteile – auf die Potenziale Alleinerziehender zu richten. Einer eingeschränkten zeitlichen Flexibilität stünden häufig Stärken wie besonders hohe Motivation und Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und Loyalität gegenüber, von denen die Unternehmen in hohem Maße profitierten.

Den Alleinerziehenden ihre Stärken bewusst zu machen, ist auch eines der Ziele des „Jobclub Soloturn“. Wohnortnah und orientiert an der individuellen Lebenssituation der Betroffenen bietet das Projekt Beratung und Qualifizierung sowie ganz praktische Hilfen, etwa bei der Organisation der Kinderbetreuung. Seit 2012, so Projektleiterin Beate Balzer, konnten mehr als 1.000 Frauen individuell unterstützt und beraten werden, knapp die Hälfte von ihnen wurde qualifiziert, in weiterführende Maßnahmen oder Arbeit vermittelt. Eine Teilnehmerin des Projektes berichtete dem Plenum vor Ort von ihren Erfahrungen, via Videobotschaft zeichneten drei weitere Frauen ein konkretes Bild vom Erfolg des Angebotes. Schönes Resümee am Ende des Films: „Das ist Beratung… mit Gefühl.“ 

Hier sehen Sie das Video mit den Videobotschaften der Teilnehmerinnen:


In drei Foren diskutierten die Teilnehmenden anschließend die unterschiedlichen Aspekte der fordernden Lebenssituation.

Forum 1

So kann die Beschäftigung von Alleinerziehenden gelingen!

Moderation: Dr. Thomas Augustin, Prokurist Quadriga
Unternehmensvertreter: Hjalmar Stemmann, Vizepräsident der Handwerkskammer und Dentalunternehmer

Hjalmar Stemmann berichtete von der erfolgreichen Beschäftigung zweier alleinerziehender Frauen in seinem Unternehmen. In der anschließenden Diskussion wurde sehr schnell deutlich, dass der Arbeitsmarkt für Alleinerziehende heterogen sei. Bei Fachkräften, wie im Beispiel von Herrn Stemmann, sei der Arbeitskräftemangel oft bereits spürbar, so dass die Arbeitgeberseite immer stärker bereit sei, auf die besondere Situation von Alleinerziehenden einzugehen, um Fachkräfte zu gewinnen oder zu halten. Voraussetzung dafür sei auf beiden Seiten die Möglichkeit, die Arbeit flexibel zu organisieren. In anderen Bereichen, häufig im Niedriglohnsektor, sei diese Möglichkeit nicht gegeben. Hier würden die Rahmenbedingungen durch vom Arbeitgebenden nur bedingt zu beeinflussende interne und externe Faktoren bestimmt (z.B. Schichtdienst in der Gastronomie und im Einzelhandel, Vorgabe der Einsatzzeiten durch den Auftraggeber in der Gebäudereinigung). Die Arbeitgeber könnten deshalb oft nicht auf die Erfordernisse Alleinerziehender eingehen. Und Alleinerziehende, die in diesen Branchen arbeiten wollten, müssten sich dieser Situation anpassen. Es wurde herausgestellt, dass dafür eine hohe Bereitschaft seitens der Alleinerziehenden notwendig und ein vorhandenes Unterstützernetzwerk (z.B. Eltern, Freunde, Nachbarn) ein wesentlicher Faktor für die Arbeitsmarktintegration sei.
Ebenso deutlich wurde jedoch, dass Alleinerziehende aufgrund ihrer Motivation und Loyalität eine große Bereicherung für ein Unternehmen sein könnten, wenn sie eine Chance dazu bekämen. Weitere Themen waren – vor dem Hintergrund veränderter Lebensentwürfe – das Erfordernis, des Ausbaus von Teilzeitausbildungen und der größeren Bereitschaft von Unternehmen, auch ältere Auszubildende einzustellen.

Forum 2
Gelungene Aktivierung von Alleinerziehenden während und nach der Elternzeit

Moderation: Cathleen Jänicke und Andreas Polter, Jobcenter team.arbeit.hamburg

Im Vordergrund des Austauschs im Forum – in erster Linie nahmen Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsverwaltung und der Hilfsangebote teil – standen Möglichkeiten der Vernetzung von Akteuren, aber auch Erwartungen und Anregungen an die Mitarbeitenden des Jobcenter team.arbeit.hamburg. Im Fokus stand hierbei der Befund, dass Alleinerziehende Zeit bräuchten, um ihre herausfordernde Lebenssituation zu klären, bevor an eine Integration in Arbeit gedacht werden könne. Es müssten daher für diese Zielgruppe andere und längerfristige Angebote geschaffen werden, die deutlich über die normalen drei- bis sechsmonatigen Maßnahmen hinausgehen würden.

Zentrale, persönliche Ansprechpartner in den städtischen Institutionen, Kontinuität in der Beratung hinsichtlich von Qualifizierungsmaßnahmen und der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit sowie eine möglichst enge Verzahnung und Kooperation aller Unterstützungsangebote wurden als Stichworte genannt. Ziel müsse es sein, die Betroffenen durch aufeinander abgestimmte Maßnahmen optimal zu begleiten und Brüche im Fortkommen zu vermeiden. Da Alleinerziehenden häufig das Netzwerk fehle, seien gerade sie auf breite Informationen zu ihren beruflichen Möglichkeiten angewiesen, so der Tenor. Zentrale Informationsangebote wie eine Datenbank mit allen Projekten oder Messen könnten von allen Akteuren für einen verbesserten Informationsfluss genutzt werden. Hier gelte es auch verstärkt Arbeitgebende einzubeziehen.

Wünschenswert wäre zudem ein noch engerer Austausch zwischen den Integrationsfachkräften und dem gemeinsamen Arbeitgeberservice, um ein besseres Matching zwischen den Arbeitgebern und der Zielgruppe im Einzelfall zu erzielen.

Forum 3

Stärken und besondere Herausforderungen von Alleinerziehenden im Berufsalltag

Moderation: Dr. Alexandra Widmer, Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie sowie Buchautorin „Stark und alleinerziehend“

Im Fachforum 3 konnten die Teilnehmenden mehrere Punkte ansprechen, zu denen Frau Dr. Widmer ihnen – aufgrund ihrer Erfahrung als alleinerziehende und zugleich erfolgreiche berufstätige Mutter – hilfreiche Rückmeldungen geben konnte. Von hohem Interesse der Teilnehmenden war der Umgang mit (eigenen) Emotionen, insbesondere Scham- und Schuldgefühlen. Hier rief Frau Dr. Widmer dazu auf, die eigenen Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie zu akzeptieren. Sie riet dazu sich erst selbst zu helfen, erst dann sei es möglich, sich um die berufliche Situation kümmern zu können. Der Wunsch wieder arbeiten zu wollen, müsse bei der jeweiligen Person selbst präsent sein.

Im Gespräch waren ferner die Aufgabe seitens der Gesellschaft und somit die Rolle jedes einzelnen Individuums, einen Beitrag zu leisten, um Alleinerziehenden den Weg in Arbeit zu erleichtern. Auf Seiten der Arbeitgebenden könne beispielsweise durch die Anpassung der Arbeitszeiten, schon ein hilfreicher Schritt unternommen werden.

In der Diskussion wurde deutlich, dass es verschiedene Angebote gäbe, die Alleinerziehende unterstützen würden. Es wurde ersichtlich, dass der Fundus dabei von Gesprächskreisen über Angebote zur Teilzeitausbildung bis hin zu Förderangeboten für Alleinerziehende reiche. Oftmals seien die Angebote jedoch nicht hinreichend bekannt. Frau Dr. Widmer forderte, dass eine Plattform geschaffen werden müsse, die eine Übersicht über alle sozialen, (sozial)therapeutischen und beruflichen Angebote für Alleinerziehende in Hamburg böte, der zudem einen Austausch der Alleinerziehenden ermögliche.

Frau Lotzkat verwies abschließend darauf, dass die BASFI weitere Schritte unternehmen werde, um die Integration Alleinerziehender in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. Sie wolle deshalb den Dialog zu diesem Thema in Fachgesprächen fortsetzen. Auf bundesgesetzlicher Ebene gehöre beispielsweise dazu, wie von Frau Balzer in ihrem Vortrag gefordert, zu klären, wie finanzielle Anreize geschaffen oder verbessert werden können, um Menschen im SGB II-Bezug den Einstieg in die Ausbildung zu erleichtern.

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